Stadtgeschichte Wildbad - Kurtheater
Hannmann, E.;
Quelle: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 1990
ISSN: 0342-0027;
Abseits der kulturellen Zentren des Landes liegt der Theaterbau des früheren königlichen
Kurtheaters in Wildbad. Obwohl der Bau im Gegensatz zu vielen anderen Theatern den Krieg
unbeschadet überstanden hat, wurde er durch bauliche Vernachlässigung und wenig
adäquate Nutzung stark in Mitleidenschaft gezogen. Notmaßnahmen wurden bereits
ergriffen, um den Hauptbestand einigermaßen zu sichern; doch der Verfall geht ständig
weiter.
Die im Nordschwarzwald gelegene Stadt Wildbad hatte schon seit dem Mittelalter ihre
Bedeutung als Thermalbad. In der Folge entwickelte sich Wildbad zu einem der
frequentiertesten deutschen Badeorte, besonders beliebt in den Adels- und Bürgerkreisen.
Stadtbrände im 17. und 18. Jh. und der Trend zum Trinkkurort führten zum allmählichen
Rückgang des Badebetriebes. Durch die Initiative der späteren Könige von Württemberg
erlebte Wildbad gegen Ende des 18. Jh. wieder einen kräftigen Aufschwung. Das äußere
Erscheinungsbild wird noch heute durch Kirchen- und Hotelbauten, besonders aber durch
Gebäude wie das Eberhardsbad (Thouret) und das König-Karls-Bad (Felix von Berner)
geprägt.
Leider wurden in der Nachkriegszeit aber auch empfindliche Wunden in das Stadtbild
geschlagen. Eine Reihe bedeutender Bauwerke, etwa die Albert von Bok 1876 entworfene
Trinkhalle, eine Glas-Eisenkonstruktion, oder das vom gleichen Architekten im Stil der
florentinischen Frührenaissance gebaute Katharinenstift fielen der Spitzhacke zum Opfer.
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Das ehemalige Königliche Kurtheater in Wildbad - Baugeschichte des Theaters
Zu den Bauwerken, die mit dem Ausbau des Kur- und Bäderbetriebes im 19. Jh. in engem
Zusammenhang stehen, zählt auch das im Kurpark der Stadt Wildbad errichtete ehemalige
Kurtheater. Vorangegangen waren dem ersten fest errichteten Theatergebäude 1864/65 lokale
Theaterprovisorien, die von Fall zu Fall in bereits bestehende Bauwerke eingebaut waren.
So fanden 1715 eine Lauberhütte, um 1725 eine Reithalle und im 19. Jh. ein
Konversationssaal im Badhotel als Aufführungsraum Verwendung.
Erst 1864/65 erhielt Wildbad sein erstes festes Theatergebäude. Das nur in den
Sommermonaten bespielte Gebäude war ein relativ schlichter Fachwerkbau, in dem sich der
kleine dreiachsige Eingangsbereich nur durch seine Sichtfachwerkkonstruktion vom
Zuschauerraum mit seinen drei Logen und dem gleich hohen Bühnenhaus optisch abhob. Das in
den zeitgenössischen Kritiken als "Baracke" bezeichnete Theater war Anlaß
genug, 1897 das Gebäude zu erweitern und gleichzeitig repräsentativer auszustatten.
Mit der Umbauplanung wurde der württembergische Architekt Albert von Beger (1855-1921)
beauftragt.
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Architekt Albert von Beger arbeitete zwei Planungsvarianten zum Umbau des bestehenden
Theaters aus. Der nicht ausgeführte Entwurf, bei dem das vorhandene Bühnenhaus erhöht
und der Zuschauerraum verlängert wurde, orientierte sich in seiner äußeren
Formensprache am bestehenden Fachwerksvorbau, der jetzt statt eines Giebels eine kleine
begehbare Terrasse erhielt. Eine größere, von schlanken Eisensäulen getragene, offene
Terrasse war entlang der Ostseite vorgesehen. Flache Putzstreifen gliederten Bühnenhaus
und Zuschauerraum, die das Fachwerkthema paraphrasierten.
Ausführung:
Beim ausgeführten Entwurf verzichtete von Beger dann weitgehend auf Sichtfachwerk und
ließ die Fachwerkkonstruktion vollfächig verputzen. Außerdem wurde der Zuschauerraum
gegenüber dem nicht ausgeführten Entwurf noch einmal erhöht. Die augenfälligste
Veränderung erfuhr aber die Hauptfassade, deren oberer Bereich als große
triumphbogenartige Nische ausgebildet wurde. In der Gestaltung der Nischenrahmung, bei den
Knaggen und am Ortgang klangen noch Motive gründerzeitlicher Fachwerkarchitektur an;
insgesamt war die architektonische Grundhaltung, ähnlich wie bei zeitgleichen Bauten von
Begers, jedoch von der Renaissance beeinflußt, was im Detail besonders in den
unterschiedlichen Fensterverdachungen zum Ausdruck kam. Die übrigen Fassaden wurden
ähnlich dem nicht ausgeführten Entwurf durch flache Putzstreifen rhythmisiert.
Im Gegensatz zum bescheidenen Äußeren entfaltete sich im etwa 200 Personen fassenden
langgestreckten Zuschauerraum die ganze neubarocke Pracht der Jahrhundertwende. Pfeiler im
Parterre trugen einen umlaufenden Rang mit geschwungener Brüstung und einer
Logenandeutung vor dem Proszenium; eine Säulenarkatur auf dem Rang leitete durch eine
Voute in die flache Decke über. Ein kleiner zweiter Rang befand sich über dem
Eingangsbereich.
Der Zuschauerraum erfuhr vor allem an der Rangbrüstung mit Stuckdekor und Malereien eine
reichliche Gestaltung, welche gerade für Überladung der gründerzeitlichen
Repräsentationsräume typisch war. Einfacher hingegen waren das kleine Foyer und der
Vorraum für den Rang ausgestattet. Hier zeigte sich die Dekorationsfreude an den
aufwendiger gestalteten Türen.
Farbgebung:
Wie 1878 durchgeführte restauratorische Untersuchungen ergaben, waren die
Fassadengliederungen ursprünglich nicht farbig betont; ein gleichmäßiger Ockeranstrich
überzog vielmehr Wände und Gliederungen. Waren an der Hauptfassade die
Natursteingewände noch mit einem Grauton abgesetzt, wurde der Zuschauerraum durch ein
kräftiges Dunkelgrün der Holzteile und einen hellen, gelbgrünen Ölfarbenanstrich an
Wandflächen, Pfeiler- und Säulenschäften akzentuiert. Die weiß getünchte Decke wurde
durch eine dekorative Leimfarbenmalerei in Rot und Blau geschmückt. Die Stuckverzierungen
waren überwiegend in Weiß und Gold gehalten.
Nach kurzer Umbauzeit wurde das Theater am 8. Juni 1898 feierlich eröffnet.
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Schäden und Notmaßnahmen
Nachdem 1977 das Kulturdenkmalamt das Gebäude als Kulturdenkmal eingestuft hatte,
erfolgten die dringenden "Sofortmaßnahmen" erst 1981/82. Pilzbefall und
Fäulnis waren zwischenzeitlich so weit fortgeschritten, daß die Brüstung des
Orchestergrabens abgebrochen und das Gestühl sowie der Holzfußboden entfernt werden
mußten. Abgerissen wurden ebenso der große Terrassenanbau und die Längswände des
Zuschauerraums. Die Sicherungsmaßnahmen beschränkten sich auf die Dachdeckung und die
Schließung der Seitenwände des Zuschauerraums durch farbige Eternitplatten; eine gute
Be- und Entlüftung war hierbei sichergestellt worden.
Ziel dieser Notmaßnahmen war es, die in ihrer Substanz nicht gefährdeten Teile so zu
sichern, daß sie später einmal in eine Konzeption zur Gesamtinstandsetzung mit
einbezogen werden konnten. Voraussetzung für eine solche Konzeption wären allerdings
Nutzungsüberlegungen gewesen.
Nach den durchgeführten Sicherungsmaßnahmen wurde ein Konzept erwogen, "wobei
historisch wertvolle Bauteile vor Abbruch ausgebaut und für künftige Wiederverwendung
eingelagert werden sollten", was letztendlich doch nicht realisiert wurde. 1987 wurde
ein weiteres Fortschreiten des Verfalls beobachtet, die Notmaßnahmen hatten
offensichtlich nur zu einer Verlangsamung des baulichen Verfallprozesses geführt.