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Wenn nicht draussen
vor dem Gebäude das Wasser der Enz durch das enge Schwarzwaldtal rauschen würde, könnte
man sich in dem 1847 erbauten Badetempel von Wildbad in ein maurisches Sultan-Bad versetzt
fühlen. Von aussen nicht sichtbar, denkbar, vorstellbar, entfaltet sich hinter der
Buntsandsteinfassade des Thermalbades die farbenreiche Opulenz orientalischer Ornamentik.
«Es gibt keinen Sieger ausser Gott» - die verschlungenen arabischen Zeichen über dem
Bogengang der «Maurischen Halle» im Thermalbad von Wildbad beziehen sich auf einen
in der Alhambra angebrachten Schriftzug. Wie in den Innenhöfen des Maurenschlosses
schmücken prachtvoller Dekor aus Mosaiken, Keramikfliesen, Stucksäulen und Arkaden den
Lichthof desWildbader Bades. Der Innenhof diente ursprünglich als repräsentativer
Wartesaal, von dem aus die Badegäste, je nach Stand und Geschlecht, in die separat
angelegten Fürstenbäder, Herren- und Frauenbäder gelangten. Die Kontraste sind stark:
drinnen ein Surrogat arabischer Badekultur, draussen Schwarzwaldhäuser, Tannenwälder,
Sommerwiesen im Enztal und Blumenrabatten im Kurpark. Farbtupfer überall. Nur die Farbe
des Geldes prunkt nirgends. Im stillen Wildbad gibt man sich bescheiden, bedächtig,
sparsam, wie es dem Naturell derSchwaben entspricht. Das Spektrum an ablenkenden
Vergnügungen hält sich in Grenzen, und so gibt es auch kein Kasino, das dem Leben in
einem Heilbad eine mondäne Dimension geben und bei sich drehendem Roulette vergessen
lassen könnte, dass sich in einem Kurort letztlich doch alles um Kuranwendungen und
Therapien dreht. Schon seit dem Mittelalter wird in Wildbad fluoridhaltiges, warmes
Heilwasser, das aus dem Granitgestein quillt, angewendet, um Erkrankungen des
Bewegungsapparates zu heilen.
Ein fürstliches Staatsbad Bad
Wildbad im Enztal, rund 11 000 Einwohner, ist das einzige Staatsbad in
Baden-Württemberg. Bäder und Kureinrichtungen gehören als ehemaliger Besitz des
Königshauses Württemberg dem Land Baden-Württemberg und werden mit Landesmitteln
subventioniert. Ein Glück für Wildbad: In Krisenzeiten konnte der Kurort bisher immer
auf die finanzielle Unterstützung durch die Landeshauptstadt Stuttgart zählen. Auch Ende
der siebziger Jahre, als das technisch veraltete Graf-Eberhard-Bad 1978 stillgelegt wurde
und die Frage nach der betriebswirtschaftlichen Rentabilität und künftigen Nutzung des
historischen Badgebäudes zunächst offen blieb. DieEntscheidung
fiel schliesslich zugunsten des faszinierendsten Gebäudes
des Schwarzwälder Kurortes. Als nach jahrelangen Umbauarbeiten das restaurierte
Graf-Eberhard-Bad 1995 unter dem neuen Namen «Palais Thermal» wiedereröffnet wurde,
betraten die Gäste ein nostalgisches und zugleich hochmodernes Thermalbad, das als
unschätzbares Kulturdenkmal eine vergangene Epoche des Heilbades vergegenwärtigt. Die
Baugeschichte des Thermalbades reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. 1847
war das Graf- Eberhard-Bad nach Plänen des Baumeisters am württembergischen Hof,
Nikolaus von Thouret (1767-1845), fertiggestellt worden. Das Badgebäude bildete den
zentralen Eckpunkt der Thouret'schen Idee, Wildbad einer «Radicalcur» zuunterziehen, was
bedeutete, die maroden Badehäuser abzubrechen und ein zeitgemässes Kurzentrum zu
errichten mit dem Ziel, dem im17. Jahrhundert beliebtesten Kurort Württembergs zur
neuen Blüte zu verhelfen.
Die Radikalkur im Einzelnen zu planen, oblag
selbstverständlich dem «Diagnostiker». Mit romanischen und der Renaissance entlehnten
Stilelementen schuf Thouret ein Ambiente, das die Kurgäste aus dem dunklen Tannenwald des
Schwarzwaldes in eine Welt gepflegter Badekultur versetzte. Zehn Jahre (1837-1847) zogen
sich die Bauarbeiten in die Länge, verschlangen die für damalige Kalkulationen
unglaublich hohe Summe von rund einer halben Million Florin. Doch die Finanzbeamten hatten
sich umsonst die Haare gerauft, die immense Kostenüberschreitung zahltesich aus: Thourets
radikaler Lösungsvorschlag erwies sich als gelungen, das neuartige Kurzentrum mit den
beträchtlich erweiterten Badeanlagen führte das Heilbad in eine neue, glanzvolle Epoche
seiner Geschichte. Das Graf-Eberhard-Badtraf den Geschmack seiner königlichen
Auftraggeber wie auch der grossbürgerlichen Klientel desHeilbades. Zudem versprach der
kompakte, bauliche Komplex Bequemlichkeit: Der Entwurf Thourets integrierte die bisher
vereinzelten Bäder und vereinte unter einem Dach eine Reihe luxuriöser Bäder mit dem
früheren königlichen Palais, dem heutigen Badhotel.
«Orientalisierung» des Thermalbades
Das Thermalbad des Hofarchitekten erfuhr über die Zeiten
hindurch eine Reihe von Veränderungen. Am augenfälligsten geriet die Neugestaltung der
Innenräume im Jahre 1897. Damalswurde das Interieur des Thouret'schen Badetempels dem
Fin-de-Siècle-Zeitgeist entsprechend nostalgisch-prächtig dekoriert, «orientalisiert».
Dabei ergänzte man die Fülle maurischer Stilelemente mit einer farbigen
Art-déco-Verglasung des bisher offenen Lichthofes. Auch die Bogen, die im ersten Stock
den Innenhof einrahmen und durch welche die königlichen Badegäste auf die Bäder
hinunterschauen konnten, wurden verglast.
Der Rückgriff auf den maurischen Baustil folgte nicht nur
dem ornamentgesättigten Retro- Trend dieser Zeit, der Verweis auf arabische Badekultur
und die Übernahme der abstrakten Bildhaftigkeit orientalischen Dekors kompensieren auch
ein kleines Manko des schwäbischen Heilbades: Wildbad im Schwarzwald gehört nicht wie
die badischen Nobelbäder der Rheinebene zu den traditionsreichen Römerthermen mit
Relikten antiker Badekultur; die Heilkraft des 34 Grad warmen Thermalwassers kann also
nicht mit dem Slogan «Hier kurten schon die Römer» zusätzlich aufgewertet werden.
Vermutlich lagen die Quellen zu versteckt zwischen den Tannenwäldern im Tal der Enz, um
von den badefreudigen Römern entdeckt und genutzt zu werden. - Erstmals
im14. Jahrhundert wird von der Existenz der Heilquellen vom «Wiltpad» berichtet.
Den überregionalen Ruf des Bades begründete das 1504 in Strassburg erschienene
«Bäderbüchlein» des Hans Folz; der Wundarzt zählt es zu den Bädern mit warmen
Quellen und preist das Wildbader Wasser als Allheilmittel; «man trinckt das bad und sitzt
darinn», erläutert Folz die spätmittelalterliche Badekur. Doch es gibt Funde, die den
Beginn der Geschichte Wildbads auf noch frühere
Zeiten zurückdatieren. Als man zu Beginn des
20. Jahrhunderts auf einen zwölf Meter tiefen Schacht mit einer Quelle stiess,
förderte man mit dem «Urquell» Geschirr zutage, das aus dem 12. Jahrhundert
stammen soll. Das Attribut «wild» in der Namensgebung des Kurortes bezieht sich
übrigens nicht auf wild und unzivilisiert, «wild» bedeutet in diesem Zusammenhang, dass
es sich um temperiertes, warmes, «wildes» Quellwasser handelt.
Dennoch ging es im mittelalterlichen Wildbad zuweilen
wirklich abenteuerlich zu. In der Stadtchronik wird von einem Überfall auf Eberhard von
Württemberg berichtet. Der Graf, der 1367 in Wildbad «kurte», soll durch Gerüchte
eines drohenden Überfalls aufgeschreckt worden sein und,frisch gestärkt durch die
Badekur, das Weite gesucht haben. Wilhelm Uhland (1787-1862) fasste diese Episode in
Verse; auch wie der Graf das Heilwasser angewandt haben soll, beschreibt Uhland in seinem
Gedicht «Der Überfall auf Wildbad»: «Wenn er sich dann entkleidet, ein wenig ausgeruht
/ und sein Gebet gesprochen, dann steigt er in die Flut / er setzt sich stets zur Stelle,
wo aus dem Felsenspalt / am heissesten und vollsten der edle Sprudel wallt.»
Ein Erlebnisbad für jedermann
Der kurfreudige, im Bade aufgescheuchte Graf ist der
Namensgeber des Thouret'schen Graf- Eberhard-Bades. Die Stellen, aus denen «der Sprudel
wallt», sind längst überbaut, und niemand sitzt natürlich mehr in der freien Natur auf
Felsenspalten, sondern man relaxt in den von hohen Kuppeln überkronten, prachtvoll
dekorierten Fürstenbädern oder badet unter den Augen der Venus in den
Gemeinschaftsbassins. Die Becken werden mit aus dem Granituntergrund sprudelndem, in
Reservoirs zwischengelagertem Thermalwasser gespeist. Die Wildbacher Quellen werden noch
etwa dreissig Jahre lang das Bad mit Heilwasser versorgen. Auf diese Dauer haben Geologen
den Vorrat an Thermalwasser hochgerechnet. So lange können die Gäste noch imoriginalen,
die Gelenke und Knochen entlastenden und die Gesundheit stärkenden Quellwasser baden und
vom Tauchbecken, Massagebecken, von der Biosauna bis zum Dampfbad und Solarium alle
Einrichtungen nutzen, um im fürstlichen Erlebnisbad zu entspannen.
Gabriele Detterer
Bad Wildbad erreicht man über die A 5,
Basel-Frankfurt, Ausfahrt Karlsruhe-Ettlingen, auf der Landstrasse über Bad Herrenalb,
Dobel, Calmbach nach Bad Wildbad. Zufahrt auch über die Autobahn A 8,
Karlsruhe-Stuttgart, Ausfahrt Pforzheim-West, auf der Landstrasse B 294 Richtung
Freudenstadt nach Bad Wildbad.
Informationen: Staatsbad Wildbad, Postfach
100263, D-75313 Bad Wildbad, Tel. 0049 7081 3030, Fax 0049 7081 303100, www.staatsbad-wildbad.de |
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